Gestärkt aus der Krise:

was Unternehmen von der Baubranche lernen können

von Torsten Burgmaier

 

Die Weltwirtschaft in der Krise – schwere Zeiten für Unternehmen, die Kosten situationsbedingt drastisch reduzieren müssen, um überlebensfähig zu sein, gleichzeitig aber ihre Fachkräfte halten wollen. Die switch!-Redaktion hat sich mit Philipp Gross, Geschäftsführer der Baugruppe Gross, über Erfolg versprechende Strategien zur Bewältigung der Krise unterhalten.

 

 

switch!: Herr Gross, eine Krise ist für die Baubranche seit dem Ende des Wiedervereinigungsbooms 1995 nichts Neues. Besitzt die aktuelle Situation aus Ihrer Sicht dennoch eine neue Qualität?

 

Philipp Gross: Das ist richtig, nach dem Bauboom der frühen neunziger Jahre verschlechterte sich die Lage des Bauhauptgewerbes ab 1995 dramatisch. Die Folge: über ein Jahrzehnt Krise, die eine Halbierung der Beschäftigtenzahlen nach sich zog. Bis 2005 schrumpfte die Zahl der Beschäftigten am Bau im Zuge der damaligen konjunkturellen und strukturellen Probleme von 1,4 Millionen auf 767.000. Derzeit haben die aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jedoch noch keine Auswirkungen auf die Baubranche. Bereits geplante und in Arbeit befindliche Projekte laufen weiter. Zudem tragen unsere in der Baukrise geschaffenen schlanken Strukturen dazu bei, dass wir die Auswirkungen der aktuellen Entwicklungen am Markt besser abfedern können.

Dennoch stellt sich auch für uns die Frage: Was bringt die Zukunft? Gerade im Bereich Gewerbebau und bei den privaten Aufträgen. So weit die isolierte Betrachtung der Situation für die Bauwirtschaft.

Gesamtwirtschaftlich hat die Krise in ihrer gesamten Tragweite jedoch tatsächlich eine neue Qualität: Man muss schon bis
zur Weltwirtschaftskrise 1929 zurück-gehen, um vergleichbare Entwicklungen in der Geschichte zu finden.

 

switch!: War die Baubranche durch die bisherigen Krisenerfahrungen besser auf die derzeitige Situation vorbereitet?

Philipp Gross: Ja, mit Sicherheit. Dank der Entschlackung einer ganzen Branche über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg wurden Überkapazitäten gezielt abgebaut. Dies zahlt sich heute aus, wir können viel flexibler auf Marktschwankungen reagieren. Zudem haben wir gelernt, Krisen als Chancen wahrzunehmen: Abwarten hilft nicht, wer überleben will, muss handeln. Dazu gehört auch, das bisherige und längst etablierte Geschäftsmodell zu über-denken und gegebenenfalls anzupassen. Dies gilt übrigens unabhängig von Krisen. Märkte und damit Spielregeln und Geschäftschancen verändern sich permanent. Daher sind heute dynamisches Handeln und vorausschauendes Planen gefragter denn je.

 

switch!: Zur Milderung der Folgen der Wirtschaftskrise hat die Regierung zwei Konjunkturprogramme in Milliardenhöhe aufgelegt. Aus Ihrer Sicht eine wirksame Maßnahme zur Belebung der Wirtschaft?

 

Philipp Gross: Im zweiten Halbjahr 2009 wird sich zeigen, inwieweit diese Programme geeignet sind, ausfallende Projekte durch neue Aufträge der öffentlichen Hand zu substituieren.

Im Januar und Februar 2009 haben wir ein zehnprozentiges Minus bei Projekten kommunaler Auftraggeber verzeichnet. Steigt die Zahl der Neuprojekte als Auswirkung der Konjunkturprogramme in der gleichen Größenordnung, ist für uns in der Summe also nichts gewonnen. Zudem ist die gesamte Baubranche auch auf Aufträge der Privatwirtschaft angewiesen. Die Entwicklung in diesem Bereich verfolgen wir daher mit einer viel größeren Aufmerksamkeit.

 

switch!: Worauf kommt es in der Krise Ihrer Erfahrung nach an?

 

Philipp Gross: Je früher die Krise da ist, umso besser. Eine rechtzeitige
Auseinandersetzung mit der Thematik
hilft, dringend notwendige Umstruktu-rierungen zügig anzugehen und bei Fehl-
entscheidungen beizeiten nachzujustieren.

Was in der Krise nicht funktioniert, ist der Geschäftsleitung meist längst bekannt. Wichtig ist in dieser Situation daher auch wirklich dort anzupacken, wo es besonders schmerzt. Hat man sich vorher geweigert diese längst notwendigen Schritte zu vollziehen, muss man nun den unbequemen Weg gehen, um das Überleben des Unternehmens zu sichern. Bei dieser existenziell wichtigen An-

passung der Strukturen an die neue Strategie wird man also häufig mit den unangenehmen Seiten des Unter-nehmertums konfrontiert. Hier kann man nicht immer nur der nette Mensch sein.

In dieser Phase sind Offenheit, Ehrlichkeit und Kommunikationsbereitschaft unverzichtbar – und zwar gegenüber Kunden, Partnern und insbesondere Mitarbeitern. Vertritt ein Chef offen, nachvollziehbar und konsequent die notwendigen Schritte, wird er mit einem hohen Maß an Akzeptanz von allen Seiten belohnt. Selbst bei unpopulären Entscheidungen und Maßnahmen.

 

switch!: Mitarbeitern fällt es unter bestimmten Umständen also leichter, auch schwierige Entscheidungen mitzutragen?

 

Philipp Gross: Richtig, vorausgesetzt man ist glaubwürdig. Sparmaßnahmen müssen überall, also auch oder vielmehr gerade bei der Geschäftsleitung, sichtbar sein. Dazu gehört aber auch, dass unangenehme Personalmaßnahmen vom
Chef nicht delegiert, sondern selbst durchgeführt und konsequent vertreten werden. Ein offenes Ohr für die Belange der Belegschaft sorgt zudem für einen hohen Grad an Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen, die gerade in unserem traditionsreichen Familienunternehmen auch ein Teil der Familie sind.

 

switch!: Unternehmertum in aller Kon-sequenz, Offenheit und Glaubwürdigkeit ist also Ihr Erfolgsrezept auch in der Krise?

Philipp Gross: Genau. Doch das allein reicht noch nicht. Zum Unternehmertum gehören auch Fleiß und Fortune: Ein Unternehmer muss bisweilen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.


switch!: Herr Gross, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 


 

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